Wallis & Futuna: Blumenplage im ewigen Blau

Ein riesiger Schildvulkan ruht teilnahmslos im großen Nichts. Die mächtigen Hänge so flach geneigt, dass man ihre Steigung kaum bemerkt. Aber wir sind ja auch motorisiert, fahren durch dichtes Buschwerk voller Blüten — die meisten davon sind eingeschleppte Schädlinge, die die einheimische Vegetation gnadenlos überwuchern. Schön blüht es, gleißend gelb und tropisch erstickt die schlechte Natur die gute Natur. Was der Mensch nicht alles tut. Unser Bus mit der Klimaanlage „fensterlos“ holpert über die staubige Piste. Bunt leuchtend und porentief rein, trotz der Hitze und des Staubes, bedeckt ein ebenfalls wucherndes Blumenkleid die üppigen Rundungen unserer örtlichen Führerin. Ihr Name hat viele Vokale, die lächelnd und entspannt zu artikulieren sind. Kein Fältchen durchzieht das pralle Leben, das, von Kokosöl und Hibiskus und tropischen Früchten imprägniert, auf dem Klappsitz vor mir stattfindet, mit sanfter Stimme nach links und rechts deutet, nur möchte, dass sich alle wohlfühlen. Sanftheit im Blick, Ruhe im Selbst, ein warmes Lächeln. Das rumpelt aber ganz schön! Wo fahren wir denn jetzt hin? Das ist aber ganz schön weit! Clash of Civilizations.

Ouvéa Lake

Endlich öffnet sich vor dem Bus ein tiefer Kratersee mit lebensfeindlich schwefligem Wasser, aber wir halten rechtzeitig. Da unten leben Aale, die wohl durch Klüfte im Inselgestein zwischen See und Ozean pendeln, aber das weiß niemand so genau, zu wenige Forscher waren hier. Tiefschwarzes Wasser. Die Hänge des Explosionskraters sind so steil, dass man sich nicht traut, herunter zu schauen – zu leicht könnte man ausrutschen auf dem ockerfarbenen Staub, und wer rettet einen dann, hier mitten im Pazifik? Gibt es überhaupt Helikopter? Was heißt Bergwache auf Polynesisch?

Getrocknete Palmwedel bedecken lückenlos die penibel angelegten Tarofelder auf den sanft geneigten Hängen. Dazwischen sprudelnd Wasserkanäle. Der inselumrundende Gartenbau erlaubt nur selten den Blick auf die Lagune der tausend Blautöne. Weht dort eine Brise? Brotfrucht, Kokosnüsse, Mango, Papaya, Zuckerrohr, Grapefruit, Litschis, Bananen und Ananas rund um jedes Haus. Selbst die Blätter der Pflanzen glänzen neonfarben in der äquatorialen Mittagssonne. Schraubenbäume schenken uns etwas Schatten, bevor eine Trockenmauer aus pechschwarz irisierendem Basalt den letzten Zweifel an voreuropäischer Baukunst in Ozeanien beseitigt. Königliche Priester aus Tonga residierten hier gemeinsam mit anderen lokalen Eliten, der Ort war Tabu für das einfache Volk, das für die Ernährung sorgen musste. Aus der Traum der egalitären Südseegesellschaft: Absolutismus und Imperialismus sind keine europäischen Erfindungen. Mut, Entdeckergeist, Bootsbaukunst und über Jahrtausende gewachsenes nautisches Wissen brachten die Polynesier auf jedes noch so entlegene Eiland.

Ouvéa Dance

Das große Nichts, eine endlos blaue Wasserwüste. Mal wild und bedrohlich, mal spiegelglatt und so schwül, dass die riesigen Haufenwolken schon bei Sonnenaufgang zu bersten drohen. Der Pazifik, Magellans Stiller Ozean. Das Wasser im ewigen Kreislauf zwischen Wolken und Meer. Es strömt bei Flut durch schmale Passagen in die Lagune und rauscht bei Ebbe wieder in den Ozean, wie ein reißender Fluss, der jederzeit über die Ufer treten kann. Marine Schönheiten, durch Hollywood gefürchtet, stehen stromlinienförmig im unsteten Medium und lassen sich die Beute nur so ins dicht bezahnte Maul treiben. Einige Dezimeter darüber eine Oase auf Korallenstein, einige Hektar Land im feuchten Tropenklima, dicht bewachsen und meist besiedelt, mit mäßig viel Süßwasser, wenig Nahrung und keinerlei Schutz vor den Launen von Wind und See. Doch diese finden draußen statt — wir sind drinnen, in der ruhigen Lagune, und sie ist eine der schönsten, die man sich vorstellen kann. Dutzende von motus (kleine Inselchen in der Lagune einer großen) aus Basaltlava und Korallengestein schmücken das geschützte Gewässer rund um Ouvéa. Das weiße Schiff gleitet sanft hindurch, den steten Passat entgegen, windet sich um die motus und Korallenbänke. Nach einer knappen Stunde erreichen wir das äußere Ringriff und schlüpfen hindurch ins endlose Blau. Viel zu kurz war unser Aufenthalt, und wissen noch nicht einmal, ob wir diesen entlegenen, paradiesischen und unbekannten Flecken Erde noch einmal besuchen werden.

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